Allein im Weltall

•22. April 2013 • 1 Kommentar

Die Dunkelheit, die Reese umgab, war unendlich. Er nahm das Weltall um sich herum nur durch die Sensoren seines Raumschiffes wahr. Wenn er seinen Gefühlen trauen konnte, war er ein Stück Metall im Weltraum. Nicht anders als solches, welches sich in den vielen Asteroiden um ihn herum befand. Dennoch hatte er den Geschmack von der Erhaltungsflüssigkeit im Mund, welche sich gerade um seinen wirklichen Körper und auch in seinen Lungen, Mund und Nase befand. Losgelöst vom eigenen Körper, eine Waffenplattform im unendlichen All von New Eden, aber dennoch das Gefühl von Geschmack im Mund.

Er fand diesen Gedanken stets aufs neue ungewöhnlich, aber hatte sich längst daran gewöhnt, dass sein Körper nur aus austauschbarer Biomasse bestand, welche am Ende sogar deutlich günstiger zu verlieren war, als eins seiner Raumschiffe. Der ehemalige Pilot des Gallente Militärs konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie lange es her war, dass er den Körper, welchen er von seiner Mutter geschenkt bekam, verloren hatte. Es kam ihn vor als wären Jahrhunderte vergangen, seit er in seinem ersten Körper gelebt hatte. Nunmehr war er nur noch die Kopie seiner selbst und dennoch fühlte es sich echt an. Irgendwo in den Kliniklogs von den Sisters of EVE oder anderen medizinischen Behörden, befand sich sicher eine Aufzeichnung über die diversen hinterlegten und bereits genutzten Klone seiner selbst.

Reese hatte nie Buch geführt. Wenn er an die vielen Millionen Bewohner dieses Kosmos dachte, die wirklich sterben konnten und für die der Überlebenskampf als innerer Antrieb herhalten musste, empfand er es trotz seines Halbgott ähnlichen Status als unethisch über Tod und Wiedergeburt auch noch Buch zu führen. Ihm war bewusst, dass Ethik kein Teil eines Lebens als Kapselpilot sein sollte, aber er konnte sich nie gänzlich von der Verantwortung gegenüber den Sterblichen lossagen.

Seine Navigationscomputer ließen ihn empfinden, dass er sich tief im Raum der Ammatar befand. Die Konstellation Hevaka umgab ihn, sein Schiff und damit seine Entität flogen durch das leere Weltall der Region Derelik im System Alkez. Die Langstreckenscanner zeigten in seinem Geist die Anwesenheit von zwei weiteren Kapselpiloten an. Sie waren ihm unbekannt und es war eher eine Randnotiz seiner Scanner als wirklich eine wichtige Information. Dennoch war er stets gegenüber Fremden aufmerksam und vor allem achtsam. In seinen Gedanken bewegte er sich wie ein Mensch, aber er selbst konnte sich, dieses Metallstück im Weltall, von außen sehr gut als Maschine erkennen. Gefühlt war es ein Schritt nach links, aber in Wirklichkeit sorgte der Antrieb für Unmengen an Schubkraft und setzte die Maschine auf einen Kurs in Richtung der nächsten Station.

Die Mission, welche er für einen Agenten im System absolviert hatte, war abgeschlossen. Die Überreste einer sterblichen Crew von Piraten trieben nun im tiefgefrorenen Zustand durch das All. Vielleicht bis zum jüngsten Tag. Der Agent hatte bereits den Lohn für die Auftragsarbeit auf McQueens Konto überwiesen, aber Reese achtete nicht besonders darauf. Mit dem Geld hätte jeder Sterbliche das Joch der Firmenunterdrückung ablegen können und wäre mit seiner Familie in ein besseres Leben gestartet. Was aber waren schon Millionen von ISK für jemanden, der seit Jahrhunderten solche Beträge überwiesen bekam.

Der Körper des Herrschers über Metall und Energie bewegte sich stark in der Schutz- und Nährflüssigkeit, als das Schiff der Tengu Bauserie in den Warp überging. Reese sah wie sich eine Blase um sein Schiff wölbte und wie alles entgegenkommende sich in einen blauen Sternenmix verwandelte. Keine neun Sekunden später war es vorbei, die Blase verschwunden und aus leerem Raum wurde ein Planet und eine Station. Er befand sich nun nahe des siebten Planeten in einer Mondumlaufbahn, welche Stabil genug war um dort eine Station zu verankern. Diese kleine Hort von Sicherheit gehörte den Ammatar und war für jeden Kapselpiloten frei zugänglich. McQueen konnte die zahlreichen kleinen Händlerschiffe sehen, welche sich wie Mücken vor der Station sammelten. Es waren Sterbliche auf der Suche nach ISK, oder im Sklavendienst einer der zahllosen Megacorporations von New Eden. Sie hatten zu warten, bis man Ihnen einen Platz zum Andocken zuteilte. Der Gedanke an Arbeiten um sein Überleben sichern, war nur noch ein weit entfernter Nachhall im Geist von Reese und dennoch dachte er oft an die Sterblichen, welche sich diesem Schicksal stellen mussten.

Im Geiste sprach er die Stationskontrolle an und bat um Landeerlaubnis. Seine Kommunikatiosgeräte übermittelten seinen Gedanken, als würde er direkt mit den Leuten auf der Station sprechen. Die Freigabe dauerte keine drei Sekunden. Auch den Stationen war klar, dass ein Kapselpilot für Reichtum sorgen konnte und daher wurden sie stets ohne Wartezeiten hineingelassen. Es waren immer extra Hangar für solche Gäste frei. Die Tengu setzte ihren Flug langsam fort und suchte sich den zugewiesenen Platz innerhalb der Station.

McQueen fiel auf die Knie, spuckte die Flüssigkeiten aus seinem Körper, übergab sich gleichzeitig und hustete. Fast nackt, nur in kurzen Shorts, saß er auf Knien. Seine Biomasse war vollends von einer schleimigen zähen Flüssigkeit umgeben. Er hatte seine Kapsel verlassen und war nun wieder ein Mensch. Zumindest rein biologisch. Er hob die Hand und gab den kleinen Reinigungsdrohnen ein Zeichen. Sofort sausten gut zehn etwa vogelgroße Objekte heran und machten ihn binnen Sekunden trocken und sauber. Selbst seine Shorts waren trocken und wie neu. Er fragte sich jedes Mal wie das wohl funktionierte und nahm sich dieses mal vor, einen der Techs der Station danach zu befragen. Reese sah seine Tengu hinter sich im Hangar auf der Stelle schweben und konnte sich ein grinsen nicht verkneifen.

Das soll also ich sein? dachte er sich und betrachtete das Schiff weiter. Mehr als dieses Stück Technik war er nicht mehr, wenn er es genau nahm. Was war schon ein Körper. Austauschbar und billig. Biomasse welche in Tanks gezüchtet wird. Selbst die Agenten sahen in seinem Körper eher das Mittel der Kommunikation als wirklich einen Menschen.

Dennoch zog McQueen es vor diesen Haufen Biomasse einzukleiden. Er zog sich eine SynthHaut Hose an, welche sich gut auf seiner Haut anfühlte. Es war ein interessanter Aspekt, wirkliche Gefühle des Körpers zu spüren. Es war anders als ein Gefühl, welches durch Schaltkreise empfunden wurde.

Im Anschluss zog sich Reese ein Quafe-Shirt über. Es war Werbung einer Softdrink Firma, deren Produkte er wirklich etwas abgewinnen konnte. Er war was Essen und Trinken anging altmodisch. Reese mochte echtes Essen, der Preis war irrelevant. Zuletzt legte er noch eine Weste über und zog sich Schuhwerk an. Alles war aus dem gleichen Material, wie auch schon bereits seine Hose.

Eine lange Brücke führte in sein Quartier. Es war ein sogenanntes Captains Quarter. Diese waren exakt auf die Bedürfnisse von Kapselpiloten ausgerichtet und bot einem solchen alle Möglichkeiten der Kommunikation und Modifikation. McQueen setzte sich auf die bequeme Bank mit Rückenlehne und öffnete sein Neocom. Eine Mail blinkte. Er hatte diese im Weltall gar nicht kommen sehen, was ihn verwunderte. Sie war wohl nicht über das EVE-Netz geschickt worden. Er öffnete sie und seine Augen weiteten sich. Es war ein Ruf aus der Vergangenheit und die Neurotransmitter in seinem Hirn schlugen Purzelbäume um die Verbindungen wiederzubeleben.

Der Name des Absenders war ihm nur allzu gut bekannt. Erinnerungen suchten ihren Weg in seine geistige Realität. Unzählige Jahre waren vergangen und doch war ihm klar, dass diese Nachricht alles ändern würde. Der Absender war Dragonet Xian, der alte CEO von Ferox Aquila, was einst ein überaus effizienter Zusammenschluss von Kapselpiloten war. Goldene Zeiten entstanden vor seinem geistigen Auge und er begann die Nachricht zu lesen. Sie war markant kurz und erwähnte nur, dass der Phönix sich erheben wird. McQueen betrachtete den Verteiler. Die Nachricht ging nicht nur an ihn. Die Namen die er sah, waren wie warme Erinnerungen an eine bessere Zeit. Es las von Lokarian, dem weißhaarigen Neopunk und stets loyalen Gefolgsmann der Adler, ebenso fand er dort Lorum Kan, welcher ein Industriemagnat war. Jason Tucker, Percival UlyssesCox, Ice Gomorrha, Stefanie Dragon, Aeana Ologos und zahlreiche weitere füllten den Verteiler. Alles wichtige Persönlichkeiten aus McQueens Vergangenheit.

Der Phönix wird sich erheben… McQueen lief ein schaudern über den Rücken. Ihm wurde klar, dass wenn die Adler ihn rufen, dann muss er folgen. Er bestätigte die Nachricht von Xian und lehnte sich zurück.

In seinem Kopf manifestierten sich dieser Gedanke und er sagte leise in die Einsamkeit seines Quartier hinaus. Es ist also geschehen…

 
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